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“Gaffer” sind die besseren Menschen

Mittwoch, 15. Juni 2016

Es war wohl Mitte der 2000er Jahre, als erstmals ein RTL-Nachrichtensprecher im Fernsehen von einem Unglück berichtete: Im Umfeld eines Unglücksorts würden Hilfs- und Rettungsarbeiten durch “Gaffer” behindert.

Der ältere Nachrichtensprecher hatte erkennbare Schwierigkeiten, seine tiefe Abscheu über das Verhalten respektive die Anwesenheit der so genannten “Gaffer” in seiner Mimik zu verbergen.

Seither erfreut sich die Verwendung der Bezeichnung “Gaffer” in deutschen Medien großer Beliebtheit. Fundstellen in der gedruckten Qualitätspresse finden sich bereits 2005 in der Regionalberichterstattung der Süddeutschen Zeitung.

Mit jedem Lesen, mit jedem Hören des Wortes “Gaffer” in dieser Verwendung meldete sich seither mein Magen mit einem unguten Gefühl. Wohin führt das, wenn sich in den seriösen Medien die Verwendung von (ab-)wertenden Begriffen weiter durchsetzt? Synonyme für das Problem des Päderastie? Neue Bezeichnungen für Steuer- und Verkehrssünder, Prostituierte, Homosexuelle oder Islamgläubige? Haben bisher geglaubte journalistische Grundsätze von sachlicher Berichterstattung heute keine Bedeutung mehr?

Gaffer sind, wie mich ein Redakteur der Süddeutschen Zeitung nun aufgeklärt hat, in den Augen der SZ-Redaktion Menschen, die die “eigene Sensationsgier über das Gemeinwohl stellen” und dabei “Rettungsarbeiten behindern”.

Abgesehen davon, dass die hier vorgenommene inhaltliche Umdeutung eines seit vielen hundert Jahren anders verwendeten Begriffs beachtenswert ist, bleibt unstrittig: die Behinderung von Rettungseinsätzen durch Schaulustige ist nicht zu akzeptieren.

Gaffen vs. Schaulust

Laut Duden ist “Gaffer” das abwertende Synonym für “Schaulustiger”. Über die Definition, nach der Rettungsarbeiten behindert oder das Gemeinwohl beeinträchtigt wird, findet sich dort nichts.

Etymologisch ist ein Gaffer jemand, der “mit offenem Munde”, “voll Verwunderung” ein Geschehen beobachtet.

Psychologen sehen in der Schaulust eine Mischung aus -eventuell angeborener- Neugier und Informationsinteresse. Das “Lexikon der Psychologie” klärt uns auf: im Ursprung steht möglicherweise das Bedürfnis, sich der eigenen Unversehrtheit zu versichern, indem man das Leid anderer miterlebt.

Der Gaffer im ursprünglichen und (nicht wertenden) wörtlichen Sinn unterscheidet sich vom Schaulustigen durch die Intensität der Betroffenheit. Während der Schaulustige nur schaut, zeugt der Gaffer durch seine Körperhaltung (offener Mund) von intensiver emotionaler Betroffenheit: der Psychologe erkennt darin Staunen, Überraschung oder auch Überforderung.

Während der Schaulustige sein Handeln vornehmlich rational steuert und das Zepter seines Handelns in der Hand behält, ist der Gaffer hingegen wie paralysiert; er hat Teile seiner Handlungsfähigkeit eingebüßt und befindet sich in einem Zustand, der dem Betrachter Hilflosigkeit signalisiert. Er befindet sich im Zustand von Schockstarre, Empathie oder tiefer Betroffenheit.

Im Gegensatz zur Auffassung des Dudens ist “Gaffer” also nicht ein einfaches (abwertendes) Synonym für “Schaulustiger”, sondern beschreibt die größere Betroffenheit.

Recht behält der Duden damit, dass der Begriff “Gaffer” stets abwertend verwendet wird.

Tatsächlich scheint unsere Kultur das Verhalten eines schaulustigen Beobachters mit geringerer emotionaler Betroffenheit mehr zu schätzten als einen Beobachter, dessen Betroffenheit bereits körperliche Merkmale zeigt. Und es gibt wohl eine Neigung von Schaulustigen, den emphatischen, betroffenen, weniger handlungsfähigen Schaulustigen als “Gaffer” geringzuschätzen, so das eigene “Schauen” aufzuwerten und in ein positives Licht zu rücken.

Wer nicht schaut, der verwende den Begriff “Gaffer”

Wie wenig wir uns selbst dem Blick auf ein Katastrophenszenario entziehen können, wissen wir, indem wir uns dabei beobachten: auf der Gegenspur der Autobahn ist ein schlimmer Unfall geschehen und im Vorbeifahren bemerken wir, wie wir -möglicherweise fast unmerklich- aber doch völlig intuitiv die Geschwindigkeit reduzieren um so einen kurzen Blick auf das Szenario zu erhaschen.

Und wir wissen auch, dass wir dabei nicht nur Schaulustige sind. Sondern damit viele hundert Autofahrer hinter uns in einen Stau zwingen, den es ohne dieses Verhalten nicht gäbe.

Die Umdeutung des Begriffs “Gaffer” Mitte der 2000er Jahre weg vom “erkennbar betroffenen Schaulustigen” hin zu einem Schaulustigen, der Einsatzkräfte behindert, hat ihren Ursprung wohl im Reporter- und Journalistenwesen.

Angesichts der Tatsache, dass Medienberichte über “Gaffer” in der Mehrzahl der Fälle vom berichtenden Journalisten erfordert, dass er selbst in die Rolle des Schaulustigen schlüpft und damit das Risiko in Kauf nimmt, Einsatzkräfte zu behindern, ist die abwertend gewählte Wortwahl nicht ganz ohne Geschmäckle.

Ein Grund, weshalb der Journalist überhaupt von Katastrophen und Unglücken berichten und dadurch sein Brot erwerben kann, ist ja eben das Neugier- und Informationsinteresse seiner Leser. Man kann dem Journalisten unterstellen, dass er kein “Gaffer” im eigentlichen Wortsinn ist und bei seiner Arbeit stets das Zepter des Handelns in der Hand behält. Er ist jedoch Teil der Szenerie; zudem dem wirtschaftlichen Druck ausgesetzt, möglichst aktuellere Informationen und bessere Bilder zu erhalten als der ebenso anwesende Journalistenkollege des Mitbewerbermediums.

So sind Fälle bekannt geworden, in denen Journalisten ihr begründetes Informationsinteresse nicht vornehmlich davon leiten liessen, wie es denn bewerkstelligt werden kann, aktuelle Fotos möglichst ohne jede Beeinträchtigung von Rettungsmaßnahmen schießen zu können.

Insofern steht der Reporter vor Ort vor dem Problem: je mehr Personen das Geschehen beobachten, je mehr Mitbewerber vor Ort sind, desto schwerer wird es fallen, möglichst gute oder gar exklusive Fotos und Informationen an seine Redaktion zu liefern. Da kann man schon mal sauer werden, wenn wegen einer großen Zahl von Schaulustigen das gesamte Gelände weiträumig abgesperrt und der Zugang auch den Professionellen verwehrt wird.

So ist die Verwendung des Begriffs “Gaffer” aus einer Reihe von Gründen nicht sachgerecht. Die Verwendung “Schaulustige, die Einsätze behindern” in den Medien erfolgt -mit den berichtenden Reportern- durch eine betroffene Partei, die selbst Teil des Geschehens ist und dort eigene Interessen verfolgt.

Die sprachlich-kulturell abwertende Verwendung des Wortes “Gaffer” (im Vergleich zu “Schaulustiger”) ist insgesamt ungerecht und abzulehnen. Weil die darin enthaltenen Elemente wie Empathie und Betroffenheit in unserem Kulturraum in anderem Kontext nahezu ausschließlich positiv bewertet werden.

Die Verwendung des Begriffs “Gaffer” in den Medien zeugt von den Zweifeln im Selbstverständnis der Journalisten. Ein billiger Effekt im Aufmacher als Geschenk der Rettungskräfte, die sich behindert fühlen. Eine kleine Umdefinition eines alten Begriffs. Ein Moralaufruf an die Leser und deren genugtuende Empörung.

Wer über Schaulustige schreibt, diese “Gaffer” nennt, und damit “Behinderung von Rettungseinsätzen” meint, der berichtet weder nüchtern noch objektiv.

Martin Richter